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Digitalisierung geht uns alle an

Der deutsche Mittelstand muss aufholen

Mein schönstes Beispiel zum Digitalisierungs-Zwang, von dem auch kleine und mittlere Betriebe betroffen sind, geht so: Stellen Sie sich vor, Sie erwarten in Ihrem schönen, großen Haus dringend die Handwerker, sind aber zum betreffenden Zeitpunkt nicht selbst anwesend. Dann haben Sie zwei Möglichkeiten. 1.: Der Handwerker bekommt vorab ihre ganz normalen Schlüssel, sowohl für die Alarm- als auch für die Schließanlage. 2.: Der Handwerker bekommt den von Ihnen ganz bequem am PC programmierten USB-Kombischlüssel. Der funktioniert für beide Anlagen, dies aber nur von Montag bis Mittwoch zwischen 7 und 17 Uhr, und ab Donnerstag ist Schluss. Sollte der Dienstleister den Schlüssel darüber hinaus verlegen – kein Problem: zwei Klicks in ihrer Smartphone-App und das Ding kann gar nichts mehr. Also, ganz ehrlich, welchen Schlüssel möchten Sie?

Mit diesem exemplarischen Fall aus Michael Saylors Buch „The Mobile Wave“ möchte ich weder pauschale Vorurteile gegen Handwerker schüren, noch Ängste wecken, sondern ganz einfach klar machen, dass die Digitalisierung die kommenden Jahre in sämtliche unserer Lebensbereiche eindringen wird. Vomselbstfahrenden Autoüber dasPkw-Ersatzteilaus dem 3D-Drucker bis hin zumReisegepäck, das selbsttätig mitteilt, wo es gerade steckt: Bereits heute gibt es eine gigantische Zahl von marktreifen Entwicklungen, die kurz vor dem „go to Market“ stecken. Das muss man weder bejubeln, noch mit technikfeindlicher Missachtung strafen, sondern schlichtweg zur Kenntnis nehmen.

Konzerne tun das bereits. Und der Mittelstand? Dem ist das offenbar schnurzpiepegal, salopp formuliert. Die FAZschreibt: „Im deutschen Mittelstand stellt ein gutes Drittel aller Unternehmen fest, dass das Thema „Digitalisierung“ für sie überhaupt nicht relevant sei.“ Und: „Für 70 Prozent der deutschen Betriebe mit einem Umsatz von unter 5 Millionen Euro im Jahr hat die Digitalisierung im Herstellungs- und Wertschöpfungsprozess kaum oder gar keine Relevanz. Deshalb ist die Digitalisierung auch nur bei der Hälfte aller mittelständischen Unternehmen mit einem Umsatz von bis zu 125 Millionen Euro Teil der Geschäftsstrategie.“

Das ist schlecht bis katastrophal. Digitalexperten wieNico Lummawarnen bereits: „Da rollt mit Industrie 4.0 eine massive Welle auf den deutschen Mittelstand zu, da verändern sich global die Produktionsprozesse durch das Fortschreiten der Automatisierung, da wird geschätzt, dass bis zum Jahr 2020, also in lumpigen sechs Jahren, mehr als 50 Milliarden Geräte am Netz hängen werden, und der Mittelstand findet das nicht relevant. Ist das noch Chuzpe oder einfach nur Ignoranz? Ist der deutsche Mittelstand einfach zu satt und scheut daher die Veränderungen?“

Wie sagt man so schön: „Reisen bildet“. Wer einmal an der türkischen Ägäis vom Flughafen in sein zwei Stunden entferntes 5-Sterne-Domizil per Bustransfer geschaukelt ist, wundert sich, wenn er während der gesamten (sic!) Strecke HSDPA-Vollausschlag auf dem Smartphone hat. Hier hingegen hat man zwischen Berlin und Hamburg oft bestenfalls EDGE und gerne auch ein Funkloch. Was für eine Blamage. Und warum machen die Türken das? Sicher nicht allein wegen ihrer bekannt herausragenden Gastfreundschaft, sondern weil sie die Chancen des Breitbands längst erkannt haben. Sie wissen, dass die digitale Gesellschaft und erst recht das digitale Business dies verlangen. In Deutschland – so hat es zumindest den Anschein, wenn man den FAZ-Artikel liest – vertraut der Firmenchef stattdessen auf die „Digitale Agenda“ und den EU-Kommissar für Digitales Oettinger …

Erfahrene Unternehmensberater stellen dieser Tage folgende Prognose: Die USA der nächsten Jahre = die führende Digitalnation. Die Supermacht China der nächsten Jahre = die führende Industrienation mit einem unter anderem starken Maschinenbau. Und Deutschland? „Tja“, hört man, „wir hoffen“ …

Wie sagte der bekannte Lyriker und Aphoristiker Ernst R. Hauschka: „Wir hoffen immer auf den nächsten Tag. Wahrscheinlich erhofft sich der nächste Tag einiges von uns.“

Gastautor Sven Hansel, IT- und Wirtschaftsjournalist

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